Lernen und Vergessen

Heute ist das scheinbare Gegensatzpaar von Lernen und Vergessen von Informationen weitgehend aufgelöst. Lernen bedeutet für uns die dauerhafte Aufnahme und Verankerung von Informationen im Gehirn. Um dies zu erreichen, muss das Gehirn neue Nervenverbindungen erstellen, die letztlich genau und einzigartig die später abrufbare Information im Gehirn repräsentieren. Es ist leicht vorstellbar, dass dies ein komplexer Vorgang ist, der leicht gestört werden kann. Das einfache »Vergessen« ist nun nicht einfach der Abbau von Nervenzellverbindungen.

Beim Lernen treten neue Informationen über unsere Sinne (Augen, Nase, Ohren usw.) ein und gelangen in Bruchteilen von Sekunden auch in unseren Arbeitsspeicher. Hier findet eine Strukturierung und Bewertung der eingehenden Informationen statt. Manche werden bereits hier gelöscht, andere werden weiter in unser Kurzzeitgedächtnis geleitet. Dort entscheidet es sich aufs Neue, ob sie gelöscht oder weitergeleitet werden, in letzterem Falle in das Langzeitgedächtnis. Erst wenn die Informationen dorthin gelangen, können sie potenziell immer wieder aufs Neue abgerufen werden. Bis dahin vergehen aber über 24 Stunden.

In diesem Zeitraum werden neue Nervenverbindungen gebildet. Durch das Wiederholen der verarbeiteten Information werden diese Nervenverbindungen dann verstärkt – so können wir später leichter auf die Informationen zurückgreifen.

Informationen können in jedem Lebensalter neu in unser Gehirn übernommen werden. Wir können also lebenslang Neues verarbeiten und unser Wissen erweitern.

Wir können unsere Lernfähigkeit verbessern und fördern, indem wir eine auf zwei Säulen basierende Strategie verfolgen: Training und Schonung. Indem wir unser Gehirn daran gewöhnen, sich immer wieder mit neuen Herausforderungen auseinanderzusetzen, halten wir es rege und fit. Zugleich sollte man aber sein Gehirn auch nicht überfordern. Die Aufnahme von zu viel Informationen auf einmal sollte man vermeiden, stattdessen sollten die aufgenommenen Informationen häufiger wiederholt werden, am besten mit verschiedenen Methoden: besprechen, lesen, schreiben.

Auch ausreichend Ruhepausen sind einzuplanen. Wichtig ist aber auch, mit Spaß bei der Sache zu sein – mit so erhöhter Motivation lernt es sich gleich viel leichter!

Wenn man sich heute z.B. nicht mehr an den Satz des Pythagoras aus der Geometrie erinnert oder ein Kuchenrezept nicht mehr auswendig kennt, dann ist das kein Anzeichen dafür, dass Nervenzellen einfach abgebaut wurden. Vielmehr sind sie noch vorhanden, allerdings so versteckt und mit so langsamen Nervenzellkontakten ausgestattet, dass die Gedächtniszellen die richtige Information nicht mehr finden.

Wir können unser Wissen lebenslang erweitern.

Anders verhält es sich, wenn echte Gedächtnislücken entstehen und man sich Neues schlechter merken kann. Dies deutet auf Funktionseinbußen der Nervenzellen hin. Bei zunehmender Vergesslichkeit handelt es sich also um komplett andere Vorgänge im Gehirn, oft verbunden mit Störungen der Energieversorgung in den Nervenzellen. Die gestörte Energieversorgung ist dann Ausgangspunkt weiterer Funktionseinbußen, wie dem Abbau von Nervenzellkontakten und der Verminderung von Botenstoffen, die für die Informationsübertragung im Gehirn unverzichtbar sind.

Vergessen und Vergesslichkeit sind also etwas ganz unterschiedliches, das ist wichtig auch und gerade für Menschen ab 60, die geistig fit und aktiv bleiben möchten. Denn es ergeben sich unterschiedliche Konsequenzen.